Fortschritt oder Rückschritt in der Schiettizucht?

Um diese Frage genauestens und erschöpfend beantworten zu können, müssen wir eine Gesamtbilanz des züchterischen Aufbaus seit dem Zusammenbruch ziehen, wobei alle Farbenschläge als Bilanzposten erscheinen müssen. Es ist nicht leicht, zu demonstrieren ob während dieser 11 Jahre Schwankungen steter Auf- und Abstieg zu verzeichnen waren.

Wenden wir uns dem weiterbreitesten Farbenschlag den Dunkelhellschildigen zu. Die Ostzonenzüchter waren die ersten, die daraus baldigst nach dem Zusammenbruch wieder schaufertige dunkelhellschildige zeigten. Nohle hat sich für den „Wiederaufbau“ der dunkelhellschildigen genau solche Verdienste erworben wie unser leider schon verstorbener Zfr. Kallert aus Berlin, der uns bis jetzt eigentlich immer das Ideal- und Spitzentier in dieser Zucht zeigen konnte, was wir leider bis heute noch nicht wieder herauszüchten konnten. Selbstverständlich haben wir im Westen auch nicht geschlafen und bemühten uns sehr um Verbesserung sehr der Dunkelhellschildigen.Bis 1950 sah man bei uns leider zum größten Teil noch Tiere mit mehr Blau in der Grundfarbe als das so sehr angestrebte schwarz. Begleiterscheinungen wie Afterfleck, blaue Rücken und Dreizackzeichnung waren damals keine Seltenheit. Ich machte mich damals mit Zfr. Esche an das schwere Problem heran, mit geeigneten Schwarzen und Schwarzen mitweißen Binden durch Anpaarung allmählich den gewünschten schwarzhellschildigen Schietti zu züchten. Ehrlich gesagt, dieses Ziel hat weder mein ostdeutscher Zuchtfreund noch ich bis jetzt 100 % erreicht. Rückschläge, die nun mal zur Zucht gehören, begeleiteten unsere Bemühungen die ganzen Jahre hindurch. Immer wieder gab es Tiere mit den alten Fehlern, jedoch konnten wir erreichen, dass die Dreieckzeichnung bis auf ein Minimum zurückgedrängt wurde. Ich möchte nach all diesen gemachten Erfahrungen doch sagen, dass gerade dieser Farbenschlag seit 1945 Schwankungen unterworfen war. Obwohl ich z. B. 3 Jahre hindurch entsprechende Jungtiere züchtete, musste ich dieses Jahr wider Erwarten feststellen – auch bei einigen anderen Züchtern – dass ein leichtes Absinken des Niveaus dieses Farbenschlages zu verzeichnen ist, obwohl wir westdeutschen Züchter uns um allerbestes Zuchtmaterial aus der Ostzone bemüht haben. Die Grundfarbe ist z. B. in mehreren Fällen wieder nach dem Bauch zu blauer geworden, ja es sind wieder weiße Bürzel aufgetreten, allerdings unter Beibehaltung feinster Schildzeichnung und Farbe. Was die Figur anbelangt, möchte man nicht klagen, denn was aus der Zone an Anpaarungstieren herüberkam war größtenteils fein in Figur, schön im Stand und vor allen Dingen kurz in der Gesamtfigur. Unsere Tiere wirkten trotz aller züchterischen Bemühungen bisher immer noch etwas zu lang, was aber auf die niedrigere Standhöhe zurückzuführen war. Augenfehler sowie Mängel in der Kopf und Brustpartie dürften meines Erachtens der Vergangenheit angehören, wobei auch zu bemerken ist, dass man erfreulicherweise auf den Schauen der letzten Jahre solche Mängel fast nicht mehr zu Gesicht bekam.

In Anbetracht der Tatsache, dass, wie bereits erwähnt, die Figur in überwiegender Mehrheit ansprechender ausgefallen ist und der Modeneser erst nach der Figur und dann nach Farbe und Zeichnung zu richten ist, sollten wir für die Dunkelhellschildigen nicht allzu pessimistisch sehen.

Wenden wir uns nun den Rothellschildigen zu, die auch zu einem der meistgezüchteten Farbenschläge in West- und Ostdeutschland zählen. Schon aus der Zeit des 2. Weltkrieg klingt der Ruf herüber, die Rotschildigen seien unser „Sorgenkind“. Es stimmt, sie sind es gewesen, aber auch all den züchterischen Versuchen, durch Anpaaren von Rot mit weißen Binden, darf man heute nicht mehr von einem „Sorgenkind“ sprechen. Ich möchte, ohne optimistisch zu sein, sagen, dass die Rothellschildigen seit 11 Jahren einen langsamen aber stetigen Aufstieg erfahren haben, der nicht allein durch die „Einfuhr“ aus Thüringen und Sachsen zustande gebracht wurde, sondern auch durch rührigen westdeutschen Züchtergeist. Abgesehen von der Figur, die auch noch teils zu wünschen übrig lässt, konnte von Jahr zu Jahr ansprechende Tiere sehen. Großen Kummer haben unsere Züchter allerdings immer noch mit der dunklen Schnabelfarbe, dem Blau im Schwanz und den teils fehlerhaften Augen sowie dem hartnäckigen Fehler, dem Nackenweiß. Es wird sich noch zeigen, ob figürlich in der letzten Zeit etwas geleistet wurde oder nicht, denn gegenüber den Gazzis bleiben unsere Schiettis im großen und ganzen bisher immer noch zurück!

Immerhin bekommt man heute schon sehr feine Tiere zu Gesicht, wie man sie 1950 noch nicht gesehen hat! Wie schon oft beanstandet, so konnte auf der Grundlage einer planmäßigen Zucht auch die rote Grundfarbe im Laufe der Jahre wesentlich verbessert werden.

Die Blauen (weiß- und schwarzbindigen sowie hohlblauen) haben einen unerhörten Aufstieg durchgemacht. Wenn man überlegt, dass 1950 noch von „raren Blauen“ gesprochen wurde . Es waren damals nur wenige Tiere vorhanden. Und was da war entsprach nicht dem Rasse- und Formansprüchen.

Die Tiere standen zu tief, hatten schlechte Kopfpunkte, mangelndes Auge und teils äußerst schlechte Zeichnung und Farbe. Durch Hinzunahme ostdeutscher Tiere aus den Zuchten von Altmeister Esche und anderen konnten wesentliche Verbesserungen in den Farbenschlag gebracht werden. Insbesondere die Weißbindigen sahen wir in den vergangenen Jahren in teils sehr ansprechenden Exemplaren. Es sei nicht vergessen, dass Zfr. Wenners große Verdienste um die Verbesserung der Hohlblauen insbesondere hatte. Große Sorgen bereitet uns immer noch die Zeichnung bei den Weißbindigen, bei denen die Binden verhältnismäßig oft noch von Rostüberzogen oder davon berandet werden. Das Zuchtziel lautet: Reinweiße, schmale Binden mit dünner schwarzer Berandung. Auch rächt sich bei Nachzuchttieren immer wieder das damals zur Verbesserung der Binden verwendete dunkelhellschildige Tiermaterial, das teils auf dem Schild stark in Erscheinung tritt (schwarze Säumung). Am besten haben wir u. Zt. die Schwarzbindigen jedoch zeigen sich auch da noch Rosstellen in der Bindengegend. Figürlich dürfte beim blauen Schietti der kritischste Punkt überschritten sein, denn wir haben schon Tiere mit Ideal-Modeneserstand. Auch die Kopfpunkte und Brustpartie wären größtenteils nicht mehr zu beanstanden, obgleich man diese Fehler noch in letzter Zeit zu sehen bekam.

Die Schwarzen haben einen guten Standard ziemlich beibehalten, so auch die Schwarz-Weißbindigen, wenn auch diese in leider sehr wenigen Exemplaren vorhanden sind. Was man an gutbewerteten Schwarzen auf den führenden Schauen zu sehen bekam, entspricht im großen und ganzen unseren Wünschen. (Feine Figur, schöner Stand, Huhntaubetyp, Käferglanzfarbe.) Auf jeden Fall müssen wir bei den Schwarzen darauf achten, dass sich nicht mehr unliebsame farbliche Begleiterscheinungen einschleichen, denn als einfarbiger Farbenschlag darf auch tatsächlich nur Reinschwarz den ganzen Körper bedecken! Bei den Gelben, Gelbschildigen und Weißbindigen liegen wir hier und da noch sehr im Argen. Diese schöne Farbkomposition sollte viel mehr von uns Züchtern in Pflege genommen werden, als es bisher der Fall war.

Diese schönen Farben dürfen nicht aussterben. Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, die Hellschildigen zu züchten unter Zuhilfenahme von roten und rothellschildigen Tiere bester Abstammung und Qualität. Wichtig ist, dass immer wieder rote Tiere zur Paarung verwandt werden, damit das intensive Gelb erhalten bleibt. Um Cremefarbige zu züchten, muss allerdings ein anderer Weg beschritten werden.

Auf die übrigen Farben näher einzugehen, betrachte ich momentan als nicht angebracht, da diese mehr oder weniger bei uns im Westen noch in den Anfängen stecken und wir wollen hoffen, dass eines Tages auch hier wieder schöne Modeneser entstehen in vollendeter Qualität und in gut gezüchteten Tieren.

Einige dieser Farbenschläge bekommt man hier und da mal wieder zu sehen in teils sehr guten Exemplaren, seien es die Dunkelbraunschildigen, die weißen, die Rotweißbindigen und dgl. mehr.

Um abschließend zu einem Gesamtüberblick anhand der aufgeführten Farbenschläge und Ihren Werdegang in den letzten 11 Jahren nach dem Zusammenbruch zu gelangen, darf ohne zu übertreiben mit tiefster Befriedigung gesagt werden, dass unsere Schiettis immer mehr im kommen sind. Wir sind felsenfest überzeugt, dass wir mit unseren Zuchtfreunden im Osten in Bälde wieder konkurrieren werden und können.

H.G. Adam