Modeneser, unsere zierlichsten Huhntauben!

Der rapide Aufstieg der Modeneserzucht setzte in Westdeutschland erst in den letzten Jahren ein. Während wir auf den ersten Großschauen der Nachkriegszeit nur kleine Kollektionen sahen, die aber von Jahr zu Jahr größer und mannigfaltiger wurden, hat die Weiterentwicklung der Zucht in den letzten drei Jahren einen fast stürmischen Charakter angenommen. Die Hochburg der Modeneserzucht war früher Sachsen und wird es auch heute wohl noch sein. Dort waren früher, besonders in Döbeln, Modeneser in rauen Mengen zur Schau gestellt. Wir im Westen bekamen dagegen Modeneser nur in einigen Stücken vorgestellt. So zeigte Krehan, Weimar regelmäßig in Hannover einige blaue Gazzi in seiner bekannten Spitzenqualität. Ab und zu sah man dann auch wohl dazu einige Schietti. Das war alles. Auf der Nationalen, sofern sie in Westdeutschland abgehalten wurden, war es nicht viel besser.

In der Zeit zwischen beiden Weltkriegen hat Hugo Peschke, Döbeln, Großes für die Modeneserzucht geleistet. Er leitete den starken Sonderverein. Durch zahlreiche Artikel in der Fachpresse hat er sich unvergängliche Verdienste um den Aufschwung der Modeneserzucht erworben. Ein Fehler, den er aber durchaus nicht einsehen wollte, muss ihm allerdings angekreidet werden. Hugo Peschke war durchaus nicht zu bewegen, sich mit seinem Sonderverein an den Schauen in Hannover zu beteiligen. Dieser Lokalpatriotismus hat sich auf die Ausweitung der Modeneserzucht nach Westdeutschland hemmend ausgewirkt. Dabei wurde in dem gleichen Zeitraum der Modeneser in England die Modetaube, die drüben heute noch die Schauen in einem Verhältnis beherrscht wie bei uns die Schautaube. Vielleicht würde heute das Bild auf unseren Schauen anders aussehen, wenn man damals nicht so kurzsichtig gewesen wäre, denn der Modeneser ist doch ebenfalls eine Formentaube. Bis heute noch haben wir deutsche Züchter in ihrer überwiegenden Mehrheit Interesse an ausgesprochenen Formtauben. Die Zucht der Farben- und Trommeltauben fand in Nord- und Westdeutschland Aufnahme, nachdem sich Paul Hahn, Paul König und Karl Eckhard mit ihren Sondervereinen in Hannover beteiligten. Auch heute noch wird nur die Rasse populär, die auf unseren Großschauen stark reflektiert ist.

Die Gründung eines Sondervereines für die Westzone hat der Zucht einen starken Auftrieb gegeben. Die Beschickung unserer Großschauen ist derartig, dass in den letzten Jahren Sonderrichter dieser Rasse voll ausgelastet waren. Durch die starke Beschickung wurde der Wettbewerb zwangsläufig schärfer, was sich auf die Qualität wiederum günstig auswirkte. Die Zucht des Modeneser, in Bezug auf Quantität sehr leicht, gestaltet sich jedoch in Bezug der Qualität etwas schwieriger, weil es gilt, eine einwandfreie Form mit ebensolcher Farbe und Zeichnung in einem Tier zu vereinigen. Die Form ist allerdings das Primäre bei dem Modeneser. Bekanntlich ist er bei uns der Zwerg in der Huhntaubenfamilie. Die typischen Huhntaubenmerkmale müssen daher vorhanden sein, besonders hohe Stellung mit ansteigender Rückenlinie, deren Fortsetzung der abgezogene und etwas hochgetragene Schwanz darstellt. Sämtliche Körperteile sollen in einem harmonischen Verhältnis zueinander stehen. Bei der Bewertung arbeiten wir durchaus nicht mit dem Bandmaß. Der Eindruck einer kleinen zierlichen Taube muss aber durchaus gewahrt werden.

Der Modeneser erscheint im Körper ausgeglichen, wenn der Senkrechten Beine, Rumpf und Hals je ein Drittel ausmachen, während die Körperlänge, also die waagerechte Linie von Brust bis zu dem Schwanzende, zwei Drittel der genannten Maße haben soll. Diese Drittelung ist Voraussetzung für eine einwandfreie Modeneserfigur. Die Dreiteilung macht aber noch längst nicht einen Modeneser, wie wir ihn wünschen. Zu ihr gehört auch bedingt die Rundung. Rund soll alles bei den Modeneser sein, seien es Kopf, Brust und die Brustpartie. Auf den ersten Großschauen nach dem zweiten Weltkrieg standen neben sehr feinen Tieren auch welche, die diese Rundungen nicht zeigten. Da sahen wir Tiere mit flacher Brust, andere dagegen hatten Mängel in der Bauchpartie oder zeigten lange flache Feldtaubenköpfe. Eine flache Brust verunziert den Modeneser. Sie soll schön nach vorn gewölbt sein. Dabei muss die Brust aber auch eine gewisse Tiefe zeigen, damit der Übergang zu der vollen Brustpartie eine halbkreisförmige Linie zeigt. Also wohlverstanden, Brust und Bauchpartie müssen von der Seite gesehen gleich tief sein. Wenn dann die flaumreiche Bauch- oder Afterpartie ohne Unterbrechung der bogenförmigen Linie über den Keil bis zum Schwanzende verläuft, haben wir die gewünschte Rundung. Diese Forderung ist in den meisten Fällen noch nicht erfüllt. Vielfach liegt die Brust noch eine Idee höher als die Hinterpartie. Sofern die Brust nach vorn vollgewölbt gezeigt wird, wollen wir bei der Bewertung in dieser Beziehung noch gern ein Auge zudrücken. Mitunter wünsche wir auch zwischen dem Schwanz und der Unterlinie eine Unterbrechung der bogenförmigen Linie, einen Winkel. In diesen Fällen wird der Schwanz nicht angezogen genug getragen. Gleichzeitig verläuft die Rückenlinie zu flach.

Ein wesentlicher Faktor ist die Rückenlinie. Sie muss von den Schultern ab bis hin zu dem Schwanzende allmählich ansteigen. In der Regel ist diese Linie heute dem Modeneser eigen. Leider zeigt er sie mitunter nicht, besonders, wenn er in ungewohnter Umgebung steht. Hier wird das Tier scheu und unruhig. Zwangsläufig erscheint dann der abfallende Rücken, der als Fehler gewertet werden muss. Armer Preisrichter, wenn sich das Tier am Tage nach der Bewertung in seiner ganzen Schönheit zeigt! So hatte ich auf der letzten Deutschen Taubenschau meine liebe Not mit 120 Modenesern. Eine große Anzahl der in der unteren Käfigreihe stehenden Tiere waren nicht in Stellung zu bringen. Sie turnten an den Käfigwänden herum und zeigten durchweg abfallende Rücken. Sicher waren sie zu Hause dressiert, aber hier in der Ausstellung war ihnen die Abdeckung des Käfigs durch die obere Reihe doch zu fremd. Zum Glück hatten sich zum Schluss der Bewertung einige Tiere beruhigt, so dass ich die vorgesehenen Noten noch verbessern konnte. Andere dagegen waren überhaupt nicht mehr zum Stillstehen zu bringen. Das Ende vom Lied war dann, dass ich ein Spitzentier von Hannover nur mit „g“ bewertet habe. Pech für den Aussteller! Eine rechtzeitige Dressur vor der Schau ist unbedingt erforderlich. Leider wird in den meisten Fällen erst gebetet, wenn das Gewitter da ist! Ganz vorsorgliche Züchter dressieren ihre Tiere auch auf obere und untere Käfigreihen.

Brust und Schulterbreite müssen der Größe des Tieres entsprechen. Wir wollen keine Schmaltiere, aber auch keine Bullen. Der Hals tritt aus den Schultern voll hervor. In seiner Stärke muss er sich ebenfalls dem Verhältnis der übrigen Körperteile anpassen. Er darf also nicht zu plump, aber auch nicht zu dünn sein. Der Modeneser soll kein Zwergmalteser sein. Die Brustwölbung kommt zur Geltung, wenn der Hals eine Idee zurückgetragen wird.

Als Krönung des Ganzen muss der Kopf des Modeneser betrachtet werden. Kurz nach dem Kriege waren die langen, abgeflachten Feldtaubenköpfe an der Tagesordnung. Tiere mit diesen Merkmalen haben heute keine Aussicht mehr, auf Schauen in die Preise zu kommen. Auch der Kopf wird rund verlangt. Vom Schnabelansatz beginnend verläuft die Linie über Stirn und Scheitel in einem ununterbrochenen Bogen zum Hinterhals. Nachdem die flachen Köpfe verschwunden sind, tritt neuerdings bei den kurzen Köpfchen mitunter der Nacken unliebsam in Erscheinung. Auch dieser Schönheitsfehler muss bekämpft werden. Der Schnabel soll etwas massiv sein. Ein Feldtaubenschnabel würde den Gesamteindruck stören. Sonst soll aber kein besonderer Kult mit dem Schnabel getrieben werden.

Zierlich und rund in allen Teilen und harmonisch ausgeglichen, so stellen wir uns den Typ des Modeneser deutscher Zuchtrichtung vor. In England ist der Modeneser Modetaube. Der englische Modeneser ist aber bedeutend robuster und kompakter als der Deutsche. Er ist in den Beinen und im Hals etwas kürzer, dafür aber im Rumpf bedeutend kräftiger. Aber auf Rundung wird drüben allerdings größter Wert gelegt. Dem englischen Züchter sind unsere Modeneser zu zierlich, dem deutschen dagegen die englischen Tiere zu stark. Es sind eben Geschmackssachen. Auf den dänischen Nationalen Taubenschauen erscheinen deutsche und englische Modeneser in getrennten Klassen. Die überaus rapide Verbesserung der Formen einzelner Farbenschläge unserer Modeneser dürfte auf die Einkreuzung englischer Tiere zurückzuführen sein. Wenn der englische Modeneser auch stärker ist als der unsrige, ist es kein Problem, die Nachzucht kleiner zu gestalten. In der Linienführung dürfte die Nachzucht bestimmt gewinnen.

Reich an Farbenschlägen wie fast keine andere Rasse ist der Modeneser. Gazzi sowohl wie Schietti kommen je in etwa 10 Farbenschlägen vor. Es würde im Rahmen dieser Abhandlung zu weit führen, jeden Farbenschlag zu behandeln. Bei den einzelnen Farbenschlägen werden die Farben sauber und intensiv verlangt, die Säumung gleichmäßig und scharf. Die Schwingen sollen frei von Schilf sein. Bei einzelnen hellgefärbten und weiß bindigen Farbenschlägen können wir vollkommen schilffreie Schwingen noch nicht verlangen. Wir sind hier zufrieden, wenn die Schwingen bei geschlossenem Flügel von außen sauber erscheinen. Verschiedene Farbenschläge, auch Gazzi mit Schietti, können aneinander verpaart werden. Die Nachzucht dieser Verpaarungen bringt mitunter angenehme Überraschungen. Auf diese Art und Weise sind im Vorjahre die blaugehämmerten Gazzi entstanden, die auf den letztjährigen Schauen bereits in vollendeter Qualität gezeugt wurden.

Zu erwähnen sei noch das Auge. Die Iris soll orangefarbig sein. Zu gelbe oder zu helle Iris sind fehlerhaft. Im Allgemeinen bietet die Augenfarbe keine besonderen Schwierigkeiten in der Zucht. Nur bei den Gazzi sehen wir mitunter gebrochene Augen, die ein Tier vollkommen entwerten. Gebrochene Augen vererben sich sehr stark. Ein vollkommen dunkles Auge dagegen tritt in der Regel bei den ersten Nachwuchsgenerationen noch nicht in Erscheinung. Es kann daher ein mit einem dunklen Auge behaftetes Tier unbedenklich zur Zucht eingestellt werden, sofern es im übrigen erstklassig ist.

Die Zucht auf Form, Farbe und Zeichnung gestaltet sich in der Modeneserzucht sehr interessant. Diese drei Punkte an einem Tier in höchster Vollendung zu vereinen, ist das Bestreben eines jeden Züchter aus der jetzt schon beträchtlich angewachsenen Modeneserfamilie. Durch seine aparte Erscheinung und sein keckes Wesen hat sich der Modeneser die Herzen der Züchter erobert und durch das dieser Ausgabe beigefügte Kunstwerk Meister Witzmann wird er weitere Liebhaber gewinnen.             

Bericht aus der Geflügelbörse aus dem Jahre 19/1959 von Siekmeier