Bericht aus der Geflügelwelt aus dem Jahre 10/1930 von Arthur Esche

 

 

 

 

 

 

 

 

Modeneser

Wenn auch die Modenesertaube als eine unserer ältesten Züchtungen gelten darf, so ist sie doch in Deutschland zumeist auf einen kleineren Züchterkreis beschränkt gewesen. Am meisten wurde der Modeneser im Freistaat Sachsen gezüchtet und ist auf sächsischen Sonderschauen kaum in Anzahl von anderen Tauben überholt worden. Dagegen findet man ihn im Norden und Süden des Reiches noch recht selten. Auf den maßgeblichen Schauen, z. B. Hannover usw., ist er immer nur in einzelnen Exemplaren gezeigt worden. In England war es bis vor einigen Jahren ähnlich, während er sich in letzter Zeit dort ganz besonderer Beliebtheit erfreut. Mit seinen vorzüglichen Eigenschaften, soweit reger Fortpflanzungstrieb und eifrige Pflege seiner Jungen in Betracht kommt, steht er unter den Taubenrassen mit an erster Stelle. Aber auch seine kecke edle Erscheinung, verbunden mit ansprechender Färbung und Zeichnung verleihen ihm besonderen Reiz. Als kleinste Art unserer Huhntauben verbindet er mit tiefer anmutigen Form kokette Beweglichkeit und Fluggewandtheit, während diese seine größeren Artgenossen, die Malteser, Florentiner und Huhnschecken vermissen lassen und daher mehr zur Volierenhaltung geeignet erscheinen. In seiner italienischen Heimat ist er sogar zum Flugsport verwendet worden. In der Mannigfaltigkeit seiner Farbenschläge wird er nur selten von einer anderen Taubenrasse überholt. Man unterscheidet bekanntlich zwei Hauptgruppen, und zwar „Gazzi“ und „Schietti“.

Die ersteren sind die „Gezeichneten“, die in Zeichnung dem Strasser sehr ähnlich sind. Sie unterscheiden sich von diesen fast nur durch die weiße Rückenzeichnung. Die „Schietti“ sie sogenannten „Schlichten“ oder „Einfarbigen“ sind von dunkler Grundfarbe mit hellgezeichneten Flügelschildern. Es besteht gewissermaßen ein Gegensatz, wir er z. B. bei sächsischen Farbenflügeltauben und der jetzt sehr seltenen Verkehrtflügelfarbentaube bestand. In Form und Gestalt also hier wie dort ohne Unterschied.

 

Bei beiden Hauptgruppen des Modenesers muss als Grundsatz gelten: „In der Kürze liegt die Würze“. Während die Färbung nicht nur bei „Gazzi“ sehr mannigfaltig ist und bei weißer Grundfarbe schwarze, blaue mit und ohne Binden, rote, gelbe, gehämmerte, gelerchte, fahle, marmorierte und kupfergesäumte vorkommen, so ist die Anzahl der Farbenschläge bei den „Schiettis“ noch reichhaltiger vertreten, so dass der Ausdruck „schlicht“ keinesfalls sinngemäß erscheint. Nicht nur in allen einfarbigen , sondern auch in allen hellschildigen Varietäten sowie weißbindigen sind heute die „Schiettis“ gezüchtet worden. Ein feingezeichneter hellschildiger Schietti mit feiner Säumung und Finkenzeichnung nimmt es mit seiner charakteristischen Zeichnung mit jeder anderen gezeichneten Rasse auf, er ist daher wohl kaum als „schlicht“ zu bezeichnen. Ein Flug Modeneser, ganz gleich, ob Gazzi oder Schietti, wird nicht nur das Herz des Liebhaber erfreuen, sondern auch den Laien fesseln. Wie schon erwähnt, ist bei der Zucht des Modenesers das Hauptaugenmerk auf gute Form zu legen. In der Gesamterscheinung muss er als kleinste aller Huhntauben zur Geltung kommen. Bedingung ist schöne, runde Körperform, edle Haltung, etwas hochgetragener Schwanz, jedoch nicht so hoch wie der Malteser oder Florentiner. Der Kopf soll schön gewölbt sein, mit etwas kurzem, flachen Schnabel. Langer, dünner Schnabel und hohe oder kantige Stirn (Feldtaubenkopf) sind fehlerhaft. Das Auge ist dunkel, feurig mit orangefarbiger Iris. Der Augenrand ist wenig entwickelt, matt fleischfarbig bei hellen, dunkler bei dunklen Arten. Hauptmerkmal ist eine volle, breite Brust und volle Bauchpartie, im Hinterteil ziemlich breit und rund. Flügel kurz und geschlossen getragen, ohne sich zu kreuzen. Schwanz je kürzer, desto besser. Als schwere Fehler gelten: langer, schmaler Körper, X-Beine, gebrochene Augen, bei Gazzis farbiger Rücken; dunkle Schnäbel bei den hellen Farbenschlägen beider Gattungen, sowie erhebliche Zeichnungsfehler und matte Farbe. Von den Gazzis ist der schwarze Farbenschlag am Verbreitesten. Es wurden bei diesem schon mehrfach Tiere gezeigt, die das Prädikat „vorzüglich“ wohl verdient erhalten konnten. Ihnen folgen die Blauen mit schwarzen Binden. Aber auch die übrigen Farbenschläge zeigen stetigen Fortschritt. Bei den Schiettis gelten nur die hellschildigen mit dunkler Grundfarbe als älterer Farbenschlag, während die einfarbigen und weißbindigen zumeist noch als Neuzüchtungen anzusehen sind und dementsprechend bewertet werden müssen. Es soll heute hier nur Allgemeines über den Modeneser gesagt sein. Einzelne Gattungen speziell zu beschreiben, dürfte in Spezialaufsätzen besser behandelt werden können. Wenn jedoch diese Zeilen dazu beitragen sollten, dem schönen, lebhaften Modeneser wieder neue Freunde zuzuführen, so würden sie einen edlen Zweck erfüllen. Die Zucht des Modenesers ist wirklich wert, dass sie mehr Beachtung findet, denn nicht nur durch sein munteres Wesen und sein ansprechendes Äußeres ist er so beliebt, sondern auch durch seinen hohen Nutzwert als Schlachttaube. Mit einer vollfleischigen Brust ist er als solche vielen anderen Rassen vorzuziehen. Er eignet sich ganz besonders zur Aufkreuzung ländlicher Bestände von Feldtauben, um vollbrüstige Schlachttauben zu erhalten.