Einiges über Modeneser,

die Zucht der Modeneser steht bei uns, vor allem in Sachsen, in höchster Blüte. Es ist dies nicht zuletzt ein Verdienst des Sondervereins, der im Jahre 1912 gegründet wurde und dessen Vorsitzender Herr Hugo Peschke, Döbbeln, nie müde wurde. Für seine Rasse zu werben. Die Modeneser haben es in Deutschland zu einem eigenem Typ gebracht. Sie unterscheiden sich wesentlich von den englischen Tieren, die tiefergestellt sind, weniger Schenkel zeigen, kürzer und kräftiger im Hals sind und durch tiefe breite Form, mit guter Rundung der Brust-, Bauch- und Steißpartie, einen fast kugelförmigen Eindruck machen.

Dass sich die Deutsche Zuchtrichtung aber auch vom Typ der heimatlichen Zucht Oberitalien wesentlich unterscheidet , konnten wir anlässlich der Weltausstellung in Rom im vorigen Jahr feststellen.

Schon die Geschichte der Rasse, die sicher die älteste aller europäischen Flugtauben ist, legte diese Vermutung nahe. Bereits im Jahre 44v. Christi sollen sich die Bewohner von Modena, des alten Mutina, der Taubenpost bedient haben, um über die Heere der Belagerer hinweg mit der Außenwelt in Verbindung zu treten. Wahrscheinlich wurden zu diesem Zweck die Vorgänger unserer heutigen Modeneser Flugtauben verwandt. Auch heute noch steht der Flugtaubensport in den oberitalienischen Städten in höchster Blüte, und hierzu werden vor allem Modeneser, aber in beschränktem Maße auch italienische Mövchen verwendet.

Als wir uns in Rom in der italienischen Taubenabteilung mit den ausgestellten Modenesern italienischer Herkunft beschäftigten, war ein italienischer Züchter, der uns den Namen und die Verwendung der Rasse in Modena klarzumachen versuchte, ganz entzückt, dass wir in Deutschland von dem Flugtaubensport in Modena etwas wussten. Er konnte nicht oft genug darauf hinweisen, dass die ausgestellten Modeneser eine „Razza triganina“ seien, wobei er in lebhafter, südländischer Mimik das Schwenken mit der Fahne vorzumachen versuchte.

Wie sehen nun die Modeneser in Oberitalien aus? Die enge Verwandtschaft  mit unseren Modenesern fällt sofort in die Augen. Es werden auch annähernd dieselben Farbenschläge und Zeichnungsspielarten gezüchtet wie bei uns. Weniger stark vertreten waren die Gazzi, dagegen war die Zahl der Schiettis sehr groß. Die meisten von ihnen hatten hellere Flügelschilder, wie dies auch bei uns der Fall ist. Während nun bei uns die Gazzi und die Schietti den gleichen Typ zeigen, sind die Gazzi in Italien, ebenso wie in England in der Feder wesentlich kürzer als die Schietti. Sie zeigen auch durch etwas höher getragenen Schwanz deutlicher die Verwandtschaft zu den Huhntauben, als dies bei den Schiettis der Fall ist. Leider war es uns nicht möglich, festzustellen, ob auch die Gazzis den Ansprüchen , die man an Flugtauben stellen muss, in gleichen Umfange genügen wie die Schiettis. Die Schietti in Oberitalien sind länger in der Feder und wirken daher weniger als Huhntauben, sondern man sieht ihnen den gewandten Flieger auf den ersten Blick an.

Eine ganze Reihe der ausgestellten Farbenschläge, wie z. B. Gelbe mit gelbblaugehämmerten Flügelschild, Blaue mit roten Binden usw., machten allerdings nicht den Eindruck, als ob es sich hier um konstant vererbende Farbenschläge handelte, sondern wir mussten fast der Vermutung Ausdruck geben, dass viele Tiere aus großen Beständen, in denen die Farbenzucht ziemlich regellos vor sich geht, zu passenden Paaren ausgesucht und ausgestellt waren.

Die längere Feder der Schiettis lässt diese naturgemäß auch größer und kräftiger erscheinen als unsere kleinen, zierlichen Modeneser.

Die Modeneser sind jedenfalls auch in Italien eine der kleinsten Taubenrassen, und sie zeichnen sich, genau wie bei uns, durch edle Haltung und runde Körperform vorteilhaft aus.

Ein Vergleich mit englischen und italienischen Tieren zeigt, dass sich die deutsche Zucht der italienischen eher anpasst als die englischen. Die Engländer haben auch hier wieder einmal gezeigt, dass sie mit dem aus dem Auslande nach England eingeführten Material skrupellos umgehen. Sie haben den eigentlichen Charakter der Rasse ziemlich verwischt, während unsere Modeneser mit den in Rom gezeigten Gazzis der italienischen Zucht doch annähernd übereinstimmen.

Bedauerlich ist eigentlich, dass die Modeneser trotz ihrer vielen Vorzüge bei uns so wenig Liebhaber finden, Außerhalb Sachsens ist die Zahl der Züchter mehr als bescheiden. Dabei handelt es sich doch eigentlich um eine in der Form ansprechende Rasse, die gleichzeitig auch farblich hohen Forderungen genügt. Die Tiere zeigen ein angenehmes lebhaftes Wesen und sind zweifellos nicht so überzüchtet wie manche andere Rasse, die heute bei uns großen Anklang findet.

Vielleicht muss man den sächsischen Züchtern den Vorwurf machen, dass sie ihre schönen Tiere außerhalb der Landesgrenze allzu wenig zeigen. Berlin besitzt zwar auch einige sehr hervorragende Züchter, und auch in Thüringen sind die Modeneser auf den großen Schauen in feiner Qualität und in befriedigender Zahl vertreten. In Westdeutschland und Süddeutschland, im äußersten Norden und dem Osten fehlt der Modeneser auch auf den größten Schauen. Hier sollte der Sonderverein eingreifen und durch Stiftung von Preisen dafür sorgen, dass seine Mitglieder sich an den Schauen beteiligen, um den Liebhaberkreis dieser Rasse allmählich zu vergrößern. Die Modeneser haben sicherlich das Zeug in sich, junge Züchter für sich zu erwärmen, und dazu ist es erforderlich, dass man sie auch zu sehen bekommt; denn die Beschreibung allein und gute Bilder genügen durchaus noch nicht, um die Aufmerksamkeit auf eine Rasse zu lenken. Bedauerlich ist jedenfalls, dass in der Frankfurter Gegend, in der früher die  Modeneserzucht guten Fuß gefasst hatte, die Rasse wieder ganz verschwunden ist.

In erster Linie ist der Modeneser selbstverständlich eine Formentaube. Auf hohe Stellung mit gut heraustretenden Schenkeln, breite, gewölbte Brust, gut gerundete Bauch- und Steißpartie ist vor allem zu achten. Um die Rundung gut zum Ausdruck kommen zu lassen, muss in der Aftergegend etwas Flaumgefieder vorhanden sein, damit die Rundung von der Brust über Bauch und Steiß hinweg an den kurzen, ein wenig hoch und geschlossen getragenen Schwanz gut anschließen kann. Wie die Brust, muss auch natürlich der Rücken etwas breit sein. Er wirkt hierdurch kürzer, als dies tatsächlich der Fall ist und man achte darauf, dass der Rumpf waagerecht getragen wird, damit die Rückenlinie nicht nach hinten abfällt.

Der Hals des Modeneser ist mindestens mittellang und kräftig. Er zeigt dabei edle Linien und ist ganz schwach nach hinten gebogen. Der Kopf ist gut gewölbt, wobei besonders darauf zu achten ist, dass die Stirn nicht stark gegen den Schnabel abgesetzt wird. Erreicht wird dies dadurch, dass der Schnabel ganz leicht nach unten gelenkt getragen wird. Die Schnabelfarbe ist bei den dunklen Farbenschlägen schwarz, bei den hellen Farbenschlägen dagegen hellfleischfarbig. Entscheidend für die Schnabelfarbe ist die Kopffärbung, nicht aber das Rumpfgefieder, so dass also schwarze und blaue Gazzis dunkle Schnäbel zeigen. Der Schnabel ist ziemlich kräftig und von mittlerer Länge.

Wie bei allen Huhntauben – und wir rechnen ja den Modeneser nun einmal zu den Huhntauben – sollen die Schenkel kräftig und sichtbar sein. Auch die Füße sind kräftig und befähigen den Modeneser dazu, sich geschickt auf dem Boden zu bewegen.

Wie schon erwähnt, sind die Flügel bei der deutschen Zuchtrichtung kürzer als bei der Urform der Rasse. Sie sollen an der Brust lose aufsitzen und auf dem Schwanz getragen werden, ohne sich zu kreuzen. Sie dürfen das Schwanzende auf keinen Fall erreichen, während wir in Rom feststellten, dass die Flügel bei den italienischen Tieren vielfach zu lang sind, dass sie fast an das Schwanzende heranreichen.

Es ist jedenfalls zweifelhaft, ob die Modeneser der deutschen Zuchtrichtung nur durch Zuchtwahl aus italienischen Originaltieren geschaffen worden sind. Es scheint nicht ganz unmöglich, dass glückliche Kreuzungen mit anderen Huhntauben vorgenommen wurden und dass man hierdurch die dem deutschen Geschmack mehr zusagende rassigere und edlere Form erst in Deutschland geschaffen hat. – An Farbenschlägen ist die Rasse nicht nur in Italien, sondern auch bei uns ungemein reich. Die Gazzis, die in der Zeichnung mit den Florentinern ganz übereinstimmen, zeigen weiße Grundfarbe mit farbigen Kopf, farbigen Flügeln nebst Schwingen und farbigen Schwanz bei weißen Rücken, unterscheiden sich alle von den bekannten Strasser in der Farbverteilung durch den weißen Rücken. Die Gazzi werden in Schwarz, Kupferfarbig, Braunmarmoriert, Rot, Gelb, Blau mit schwarzen Binden, Blaugehämmert, Gelercht, Braungesäumt, Braunschildig,  Fahl mit braunen Binden, Gelbgeschuppt, und Blau mit braunen Binden gezüchtet. Die Einfarbigen oder Schiettis gibt es in Schwarz, Blau, Rot, Gelb, Fahl und – wohl recht selten – in Weiß. Recht beliebt sind bei den Schiettis solche mit gesäumter Flügelzeichnung sowie seltener auch Flügelschild hell und die anderen Federn zeigen eine schmale Säumung, die mit der Rumpffarbe übereinstimmt.

Als grobe Fehler sind zu erwähnen zu plumpe Körperform, die also mehr der englischen Zuchtrichtung entspricht, und zu lange Tiere, die der italienischen Urrasse nahe kommen. Außerdem sind X-Beinige Stellung sowie alle körperlichen Missbildungen, wie schlechter schiefer Schwanz, unschöner oder zu kurzer Hals und gebrochene Augen, als erhebliche Formenfehler zu betrachten. Als Zeichnungsfehler kommen in Frage: schlechte Halszeichnung bei den Gazzis, weißer Bug des farbigen Flügel, farbiger Rücken bei den Gazzis und weiße Unterschwanzdecke (Keil).

Gerade die Modeneser der deutschen Zuchtrichtung zeichnen sich gegenüber der englischen und italienischen Zucht durch harmonische Gliederung vorteilhaft aus. Deshalb muss bei ihnen ganz besonders darauf geachtet werden, dass die völlige Harmonie aller Körperteile gewahrt bleibt und das nicht einseitige Überzüchtungen das Gesamtbild der Rassestörend beeinflussen.

 

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