Wie steht es um die Modenesertaube?

Nach dem Ableben des Gründers und Ehrenvorsitzenden des „SV der Modenesertaube – gegr. 1912“. Hugo Peschke – Döbeln, war der SV, führerlos geworden. Ohne SV, ist eine nicht lebensfähig, weil der Zusammenschluss fehlt. Eine Sonderschau, die aus allen Gegenden beschickt wird, gibt erst das richtige Bild vom Stand der Rasse. Wäre der SV, unter richtiger Führung gewesen, dann war es nicht möglich, dass eine Zersplitterung auf zwei große Landesspitzenschauen eintreten konnte. Dass aber die Züchter in der führerlosen Zeit nicht geschlafen haben, bewies die Beschickung dieser beiden großen Landesschauen mit nahezu 200 Tieren, ohne dass für beide Schauen besondere Reklame gemacht worden ist. Die im Land Sachsen besonders gut verbreiteten und in hervorragender Qualität gezüchteten blauen Gazzi mit und ohne Binden werden auch heute noch in feinster Qualität gezeigt. Eine Ausnahme machte eine sehr feine Kollektion brauner Gazzi, welche nur einen Aussteller gehörte nun ihm alle Ehre machten. Die Braungesäumten haben den Vorkriegsstand noch nicht wieder erreicht; es fehlt an intensiver Schildfarbe und schärferer Säumung. Einer der ältesten und früher sehr beliebte Farbenschlag waren die Marmorierten, die leider nicht mehr gezeigt werden. Was man an einfarbigen schwarzen Schiettis sah, war teilweise noch etwas unterschiedlich in der Form. Da es in diesem Farbenschlag keine Zeichnungsschwierigkeiten gibt, können auch höhere Anforderungen an die Kopfpunkte und an die Farbe gestellt werden. Der von mir herausgezüchtete und als verschwunden geglaubte weiße Farbenschlag war erfreulicherweise auch wieder zur Stelle. Die Form muss verbessert werden. Schwierigkeiten mit der Augenfarbe dürfen nicht hindernd sein. Schwarzweißbindige Schiettis wurden bisher noch auf keiner Schau in großer Anzahl gezeigt. Wenn man vorerst Figur, Farbe etwas mild beurteilt, so war doch die reinweiße, durchgehende Binde ein schöner Erfolg. Etwas störend sind auch hier noch die Kopfpunkte. Bei den Hohlblauen, welche einwandfrei in reiner Farbe gezeigt wurden, ohne Pfeffer in der Bindengegend, könnte höchstens die Form noch etwas verbessert werden, es fehlt ihnen zumeist etwas an Schenkelhöhe. Von den Blauweißbindigen  sind entweder bei reinweißer Binde die Schulter unrein, Bauch und Schenkel zu dunkel, oder bei reiner blauer Grundfarbe sind die Binden noch zu cremfarbig. Die „Dunkel-Hellschildigen“, einer der ältesten Farbenschläge der Schiettigruppe, erregte nach dem Weltkrieg besonderes Interesse. Vom Altmeister Franz-Siede-Magdeburg wurde er damals in bestechender Form gezeigt. Mit dieser epochemachenden Erscheinung begann ein neuer Aufstieg  in der Modeneserzucht, besonders unter den Schiettis. Bis dahin waren zumeist nur Gazzis hervorgetreten. Farbe und Zeichnung des Flügelschildes hatte bei den Siedeschen Tieren wenig Beachtung gefunden. Die feinsten Formentiere hatten oft cremefarbige rostige Schilder; oft auch Finkenzeichnung auf den Schwingen (was nicht als Fehler gilt). Als dann Kallert-Berlin mit seinen fein gesäumten Tieren auf den Schauen erschien, standen die „Dunkel-Hellschildigen“ fast vor Ihrer Vollendung. Wenn in der MB, die Bezeichnung „hellschildig“die Schildfarbe cremefarbig bis rostig zuließ, so werden heute Tiere gezeigt mit zumeist fast reinweißer Schildfarbe, auf welcher sich auch der scharfe intensive Saum besonders günstig auswirkt. Was gibt es bei diesem herrlichen Farbenschlag noch zu verbessern? Tiere mit Dreikantzeichnung sind nur noch selten und dürfen auch bei feinster Form nicht über „b“ bewertet werden. Desgleichen dürfen schilfige Schwingen, welche bei geschlossenen Flügel nicht sichtbar sind, nicht gestraft werden. Was versteht der Laie oder Anfänger unter der Bezeichnung „dunkelhellschildig“? Mein Vorschlag, auch bei unseren Modenesern dem Beispiel der Luchstaubenzüchter zu folgen und reine intensive Grundfarbe herauszuzüchten, scheiterte immer an der gegenseitigen Ansicht des bisherigen Vorsitzenden des SV. Ich empfahl, aus den „Dunkel-Hellschildigen“ „Schwarz-„ bzw. „Blauweißschildiggesäumte“ zu schaffen; ich hatte  nunmehr den Zeitpunkt der Trennung für gekommen. Mit blauer Grundfarbe gibt es schon einen sichtbaren Erfolg. Sollte dies in schwarzer Grundfarbe nicht auch möglich sein? Ich zweifle nicht daran, da die Intelligenz der Züchter der „Hellschildigen“ schon oft unter Beweis gestellt wurde. In Rot und Gelb bei Gazzi wie Schietti ist der Vorkriegsstand noch nicht wieder eingeholt. Die Farben sind noch zu matt und in der Hinterpartie zu blau; bei den Schietti die Schilder zu unklar. Nichts Neues, aber immerhin etwas seltenes sind die „Magnani“. Während sie in Italien und besonders in England zu den Verbreitesten Arten gehören, für welche auch hohe Preise angelegt werden, können sie bei uns noch wenig Verbreitung finden. Da bisher eine deutsche MB für diese Modeneserart bestand, konnten sie nur als „vielfarbige Schietti“ nach dem persönlichen Geschmack des Richters bewertet werden. Das muss anders werden! Es loegt kein Grund vor, diese eigenartigen Modeneser abzulehnen. Sie verfügen gewiss über einen ganz besonderen Reiz und werden sich auch bei uns bald einen größeren Liebhaberkreiserringen, wenn sie ihren Namen als „vielfarbige“ Modeneser Ehre gemacht haben. Für eine deutsche MB mache ich deshalb den Vorschlag: Grundfarbe: helles blau, grau oder cremig; Zeichnung: schwarze, weiße und gelbe oder braune Strichelung über den ganzen Körper gleichmäßig verteilt; mindestens vier Farben, welche sich auch auf Schwung- und Steuerfedern verteilen sollen. Je enger und gleichmäßiger die Zeichnung, umso wertvoller das Tier. Von vorn gesehen, erscheint dann ein solcher vielfarbiger Schietti mit seiner violetten und blauen Halsfarbe in fast allen Regenbogenfarben. Ein so gezeichneter, wirklich vielfarbiger Schietti wird bestimmt einen großen Liebhaberkreis finden. Sein Name „Magnani“ könnte eventuell fallengelassen und dafür „vielfarbiger Schietti“ gesetzt werden. Ich hoffe, dass meine Zeilen dazu beitragen mögen, dem Modeneserzüchtern, welche eine lange Zeit nichts von Zuchtbestrebungen hörten, wieder Anregung gegeben zu haben, mitzuhelfen unsere herrlichen Modeneser züchterisch weiterzuentwickeln.

 

A.Esche, Westdeutsche Geflügelbörse 12/1955