Modeneser Tauben aus Oberitalien

Die Heimat der weitverzweigten Familie der Modeneser Tauben ist die alte, oberitalienische Stadt Modena. Eine ihrer berühmten Sehenswürdigkeiten ist die alte Kathedrale San Geminiano, in deren unnachahmlichen Glockenturm nach alten Überlieferungen stets Flüge von Tauben nisteten. Schon sehr früh gab es in Modena Taubenliebhaber, die dem Flugsport hudligten und so darf es nicht wundernehmen, dass der Modeneser in seiner Heimat ursprünglich in erster Linie als Flugtaube gehalten wurde. Seine Umformung begann im Mittelalter und ist bedingt durch die überaus große Zahl seiner Farbenschläge, bis zum heutigen Tage noch nicht abgeschlossen. Stets haben Meister ihres Fachs an der Verfeinerung seines Typs gearbeitet und es in einigen Farbenschlägen zu einer Vervollkommnung gebracht, die Anerkennung verdient. Der Modeneser zählt zu den Taubenrassen, die nur dann als schön bezeichnet werden können, wen alle Körperteile zueinander in einem harmonischen Verhältnis stehen. Bei der Betrachtung dieser italienischen Taubenschönheit drängt sich mir immer ein Vergleich mit den Zwerg Wyandotten auf, die mit ihrer edlen Linienführung und den allseits gerundeten Formen ein überaus harmonisches Gesamtbild verkörpern, das Gediegenheit und Ruhe ausströmt. Trotz seines gedrungenen Körpers wirkt der Modeneser zierlich und sein Gehabe ist durchaus lebendig und keck; eine Eigenschaft, die ihn vor allen anderen Huhntauben auszeichnet.

Seit vielen Jahrzehnten  hat der Modeneser in der westlichen Welt Eingang gefunden. Wenn er auch hier nicht überall nach einheitlichen Richtlinien und oftmals abweichend vom Mutterlande gezüchtet wird, so hat er doch überall begeisterte Anhänger. Nach Dürigen kamen die ersten Modeneser um 1860 über Wien nach Deutschland und wurden damals als „Rebhuhntauben“ oder „Kleine Malteser“ bezeichnet. In ihrer Gestalt ähneln sie allerdings mehr dem Florentiner. Als dem Malteser und die Zeichnung der Gazzi gleicht, mit Ausnahme der Schwingenfarbe, der des Florentiner. In Deutschland stand die Modeneserzucht stets in hohem Ansehen: namentlich in Sachsen war uns ist sie zu Hause. Es ist dies ein Verdienst des langjährigen Sondervereinsvorsitzenden Hugo Peschke in Döbeln, der sich stets in Wort uns Schrift für seine Lieblingsrasse einsetzte und sie vor dem letzten Kriege zu einer Vollendung geführt hatte, die überall Anerkennung fand. Nach dem letzten Kriege sah es um die deutsche Modeneserzucht nicht rosig aus. Auf einer Ausstellung im Jahre 1947 in Dresden, der Hochburg der Zucht also, standen 60 Gazzi und nur 10 Schietti, während zwei Jahre später auf der Deutschen Junggeflügelschau in Hannover nur 35 Modeneser, davon zwei Schietti, und keine Magnani gezeigt wurden. Inzwischen hat sich das Bild wesentlich geändert. Der Modeneser hat, dank seiner idealistisch eingestellten Züchter und einer sachlichen Werbung in Wort und Schrift, wobei sich Zuchtfreund Artur Esche ganz besonders auszeichnete, das Terrain zurückgewonnen und ist auf den besten Wege an frühere Glanzseiten anzuknüpfen. Wer vor einigen Wochen auf der 78. Deutschen Junggeflügelschau in Hannover Gelegenheit hatte, die dort gezeigten insgesamt 100 Modeneser und zwar 45 Gazzi und 45 Schietti und 10 Magnani, zu studieren, der war überrascht von der Ausgeglichenheit des Tiermaterials und der Vielfalt der Farbenschläge. Trotz des frühen Ausstellungstermin wurden durch die Bank fertige Tiere gezeigt; es gab nur wenige Versager, die jedoch das schöne Gesamtbild nicht stören konnten. Der hohe Zuchtstand spiegelte sich in den vier mit der Note vorzüglich ausgezeichneten Spitzentieren wieder, wovon je zwei auf Gazzi und Schietti fielen. Überragend auch die 10 Magnani, die verdient hoch bewertet wurden. Eine feine Züchterleistung, die Anerkennung verdient. Noch stehen wir am Anfang der diesjährigen Schauperiode. Wir dürfen überzeugt sein; dass sie den Modeneserzüchtern noch manche angenehme Überraschung bringen wird.

Die Modeneser als unsere kleinste Huhntaube, ist vor allem eine Formentaube. Doch auch in farblicher Hinsicht kann er es auf Grund der vielen Farbenschläge uns seiner einmaligen Farbnuancen mit mancher ausgesprochener Farbentaube aufnehmen. Der Modeneser wird in drei Gruppen eingeteilt und zwar in Gazzi, Schietti und Magnani. Am bekanntesten und verbreiteten sind die Gazzi, die in ihrer Zeichnung an den Strasser erinnern. Die Schietti gibt es in einfarbig mit und ohne Binden und außerdem hellschildig: letztere ähneln in ihrem Farbbild den geschuppten Luxtauben. Nicht neu, doch bei uns noch recht selten sind die mehrfarbigen Magnani, die äußerst Farbenprächtig sind und in dieser Hinsicht einen Vergleich mit den schönen Farbentauben standhalten. Der Name Gazzi bedeutet im italienischen Elster, während Schietti einfach, rein, echt heißt. „Gazzi“ hat beim Modeneser allerdings keine Berechtigung, da seine Zeichnung nicht mit der Elster übereinstimmt.

Die Modeneser Taube besticht nicht nur durch ihr formschönes und farbenprächtiges Äußeres, auch in ihrem Wesen befriedigt sie den verwöhnten Taubenfreund. Sie ist sehr zutraulich , graziös in ihren Bewegungen, überaus lebendig und keck, dazu verträglich und futterdankbar, so dass sie sich das Herz eines jeden Liebhaber im Sturm erobert. Hervorzuheben ist noch ihr enormes Aufzuchtvermögen, worin sie selbst von der besten Wirtschaftstaube nicht übertroffen wird. Man findet Modeneser nicht selten als Ammentauben, was ohne weiteres auf ihre großen Fähigkeiten in der Aufzucht und Fütterung von Jungtauben schließen lässt. Zu guter letzt lassen sich Modeneser auch in der Küche verwenden, denn ihr volles Brustfleisch ist eine Delikatesse , die der Feinschmecker zu schätzen weiß.

Gerne erinnere ich mich bei dieser Gelegenheit eines Erlebnisses, dass ich im vergangenen Jahr auf einer Fahrt durch Oberitalien hatte. Wir fuhren im Auto von Mailand nach Bologna und berührten dabei Modena. Obwohl ich vom Auto aus alle Dächer nach Tauben absuchte, fand ich keine, die ich einwandfrei als Modeneser ausmachen konnte. Erst später , bei einer Rast in Bologna, fand ich unter den Flüchtern, die den Bahnhofsplatz und die Bahnsteige nach Futter absuchten , zu meiner Freude ein paar blaue Schietti, die durch ihren Typ auffielen. In der Farbe allerdings ihren schmutzigen Gefährten keinesfalls nachstanden. Sie fühlten sich wohl in dieser Gesellschaft und beweisen dadurch ihre Widerstandskraft und Härte.

W.R

Deutscher Kleintierzüchter 32/1959